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Was nun, Cem Ödzdemir?

Von dem, was der Landwirtschaft mit der neuen Bundesregierung personell hätte blühen können, ist Cem Ödzdemir sicherlich nicht die fatalste Lösung; er ist auf jeden Fall ideologiefreier als ein Anton Hofreiter, mit dem wir wahrscheinlich wieder den Ochsen vorm Pflug gehabt hätten.

Aber Herr Ödzdemir wird sich die Frage stellen müssen, ob er den wirklichen Wandel, den diese Regierung ja proklamiert, haben will. Die Grundlage dafür muss sein, dass wir uns weitgehend von Mainstream und verqueren Ideologien, aber auch von Lobbyisten jeglicher Art bei wegweisenden Entscheidungen verabschieden.

Wir müssen uns auch von den Thesen befreien, die Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie NABU oder BUND jahrelang mit Erfolg in den Köpfen der Gesellschaft platziert haben. Kein Bauer steht morgens auf, um die Umwelt zu vergiften, das Grundwasser zu verseuchen oder seine Tiere zu quälen. Das ist schlichtweg bullshit, der einzig und allein dazu dienen soll, die Spendenbereitschaft unzureichend informierter Menschen zu fördern.

Es ist zweifelsohne richtig, dass der Einsatz von Pflanzenschutz und Düngemittel über einen „gesunden“ Punkt hinaus betrieben wurde, was ist in Teilen allerdings politisch noch bewusst forciert wurde. Das gibt es aber in vielen anderen Bereichen und in der Gesellschaft auch. Wenn wir heute Alexa sagen, dass sich die elektrische Küchentuchrolle langsam für den Fall bewegen soll, dass wir unter Umständen gleich den Kaffeepott umwerfen oder wenn wir unserem Gegenüber im Restaurant per Whats app einen guten Appetit wünschen, sind ähnliche Zustände erreicht, die nicht mehr nützlich, sondern schädlich sind.

Insofern hat die Diskussion um Landbewirtschaftung mit hochmodernen Pflanzenschutz- und Düngemittel auch etwas Gutes bewirkt, nämlich ein Umdenken, auch bei denen, die unsere Ernährung letztendlich sicherstellen. Fruchtfolge, acker- und pflanzenbauliches Know-how erhalten wieder mehr Gewicht, und das ist gut so. Warum die politisch Verantwortlichen gerade diese Entwicklung nach den neuen GAP-Richtlinien nicht mehr entsprechend würdigen wollen, wird ihr Geheimnis bleiben.

Ohne die Arzneimittel (Pflanzenschutzmittel) in der Phytomedizin wird es genauso wenig gehen wie ohne Arzneimittel in der Humanmedizin. Kein klar denkender Mensch käme auf den Gedanken, pauschal zu fordern, dass 50 % der Arzneimittel im Humanbereich vom Markt müssen.

Warum man das im phytomedizinischen Bereich so viel anders sieht, erschließt sich dem Verfasser nicht. Ebenso wenig ist es nicht nachvollziehbar, warum man mit Macht ausgerechnet bei den Pflanzenschutzmitteln ansetzt, die an Saatgut aufgebracht werden. Diese Pflanzenschutzmittel erzielen die höchsten Wirkungsgrade bei den geringsten Aufwandmengen pro Flächeneinheit und den geringsten Auswirkungen auf die Umwelt. Das einzig verwerfliche, was ihnen anhängt, ist der prophylaktische Charakter. Im Prinzip wird das Saatgut „geimpft“, um nicht von diversen Krankheiten oder tierischen Erregern befallen zu werden, die im Nachgang nur mit schlechteren Wirkungsgraden und deutlich höheren Aufwandmengen bekämpft werden können. In Coronazeiten, in denen man prophylaktisches Impfen propagiert und sogar über Impfpflichten nachdenkt, sollte bei den politisch Verantwortlichen aber auch bei den NGO´s die Einsicht einkehren, dass sie auf dem „Holzweg“ und dort in die falsche Richtung unterwegs sind.

Zu den Akten sollten wir auch dumpfe Forderungen nach einer bestimmten Quote ökologischen Landbaues legen. Diese Forderungen sind, wenn man eine wirklich nachhaltige Landwirtschaft will, kontraproduktiv. Nicht der 100 % ökologische Bauer und nicht der 100 % industrielle Bauer werden die beste Lösung sein, sondern, wie so oft im Leben, ein Kompromiss aus beidem. Eine regionale Landwirtschaft, in der gekonnt acker- und pflanzenbauliche Fähigkeiten mit einem möglichsten niedrigen Input an chemischen Pflanzenbehandlungstoffen kombiniert werden (integrierte Landwirtschaft), sollte das Ziel sein. Dieses Ziel stellt auch höchste Ansprüche an Politik, mit wissenschaftlich basierten Ansätzen Vorgaben zu machen, dass sich Landwirtschaft in die genannte Richtung entwickelt. Dazu bedarf es einer hohen fachlichen Kompetenz und einer gehörigen Portion Rückgrat.

Diejenigen, die trotzdem 100 % Ökolandwirtschaft ohne Pflanzenschutzmittel wollen, müssen sagen, wie sie die Menschen dieser Erde ernähren wollen und wie sie sicherstellen wollen, dass auch sozial schwächere Menschen nicht 100 % ihres Einkommens für ihr Essen ausgeben müssen.

Cem Ödzdemir hat mit Sicherheit den Intellekt für solche Lösungen. Ob er das politische Gewicht auf die Waage bringt, um es umzusetzen, wird sich zeigen. Die deutschen Bauern bräuchten nach Jahren oder Jahrzehnten der Stagnation mal wieder einen Macher, und es wird ihnen egal sein, ob der rot, grün, schwarz oder gelb ist. Fähig muss er sein.